Chronische oder Spätform der Borreliose?

Gibt es eine chronische Verlaufsform der Borreliose?

Es wird mittlerweile die chronische (oder späte) Verlaufsform der Borreliose auch nach allgemeiner Auffassung nicht mehr verneint. Man geht jedoch davon aus, dass die Borreliose generell und insbes. die chronische Infektion mit Borrelien (bzw. Spätform) eine sehr seltene Erkrankung ist. Es werden 3-5% angegeben. Die Frage ist nur wovon oder von wie viel? Auch hier gibt es unterschiedliche Zahlen wie die Untersuchungen der Krankenkassen (z.B. TK: ca. 800.000 Neuerkrankungen/Jahr in Deutschland, errechnet aus den von den praktischen Ärzten über ICD-Code gemeldeten Erythemata migrantia (oder „Wanderröten“)) im Gegensatz zum RKI (100.000 neue Fälle/Jahr) ergaben.

Die CDC in den USA berichtete bisher von bis zu 30.000 Neuerkrankungen/Jahr. Im Jahre 2015 wird nun von bis zu 300.000 neuen Fällen von Lyme Disease/Jahr in den USA berichtet!  Das ist 10 mal höher als bisher!  Gibt es eine Erklärung dafür?

 

Zu beachten ist, dass es einen Unterschied zwischen allgemeiner chronischer Verlaufsform der Borreliose und der chronischen Neuroborreliose gibt.

Die chronische Neuroborreliose bezeichnet nur die Manifestation der Erkrankung im Nervensystem, nicht in den anderen Organsystemen. Dabei sollte beachtet werden, dass auch alle Teile des Nervensystems (natürlich in unterschiedlichem Ausmaß) betroffen sein können. Deutlicher ausgedrückt: Es können also das zentrale Nervensystem, die Hirnnerven, das periphere und mit großer Wahrscheinlichkeit auch das vegetative Nervensystem betroffen sein. Für Letzteres fehlt zwar noch die notwendige Literatur, aber warum sollten die Borrelien diesen Teil des Nervensystems “auslassen“ bzw. diesen Teil nicht befallen können? Das bedeutet aber auch, dass die Patienten dann über wechselnde Beschwerden aus allen Teilen des Nervensystems in unterschiedlicher Lokalisation und Intensität klagen können. Deshalb klingen diese Angaben dann auch oft sehr verwunderlich und schnell „verrückt“ und das belastet dann Arzt und Patienten gleichermaßen. Leider gibt es bisher keine Messmethode zur Objektivierung dieser angegebenen Beschwerden. Das Ergebnis ist, dass nach allgemeiner Auffassung die Patienten einzig und allein nur psychische Erkrankungen, Angststörungen oder andere Erkrankungen wie z.B. Rheuma usw. haben können. Eine chronische Infektion als Ursache ist demzufolge absolut nicht möglich?

Der Ausschluss anderer Erkrankungen als Erklärung der Symptome ist auch aus unserer Sicht zwingend erforderlich, wie man im nächsten Kapitel lesen kann. Wir empfehlen aber, dass man auch die chronischen Infektionen nicht zu schnell und generell ausschließen sollte.

Die allgemeine, chronische Verlaufsform (oder Spätform) der Borreliose bezeichnet die  Multisystemerkrankung, die nicht nur das Nervensystem betrifft, sondern auch andere Organe und Organsysteme, d.h. Neuroborreliose bedeutet nicht Borreliose allgemein. Es ist nicht richtig, dass ein Patient keine Borreliose haben kann, nur weil er keine Neuroborreliose hat. Es ist bekannt, dass die verschiedenen Borrelienstämme auch unterschiedliche Organsysteme „bevorzugen“ und damit auch andere Symptome verursachen können.

Wie häufig die allgemeine, chronische Verlaufsform der Borreliose (Spätstadium) ist, wissen wir nicht. Das wäre Spekulation.

Wie häufig die akute und chronische Neuroborreliose wiederum sind, wenn öfter danach gesucht würde und die Testsysteme für die Antikörpersuche besser (sensitiver) wären (siehe Kapitel Antikörperbestimmungen, Literaturstelle 1), wissen wir ebenfalls nicht. Vielleicht sind auch noch nicht alle Borrelienstämme bekannt oder nachweisbar (siehe Kapitel: Allgemeines).

Das ist aber für den Einzelfall auch nicht entscheidend. Wir denken, dass jeder Einzelfall es wert sein sollte, dass man zumindest die Möglichkeit einer chronischen Verlaufsform (Spätform) der Borreliose oder anderer Infektionen in Betracht zieht, auch wenn die Statistik meint, dies sei eher selten.

So ganz unbedeutend für die Praxis scheint die chronische Borreliose aber doch nicht zu sein. Zumindest kommt eine weitere und ganz aktuelle Studie zu diesem Ergebnis (1).

 

(1) Review Article:  Borgermans Liesbeth et. al.“Relevance of Chronic Lyme Disease to Family Medicine as a Complex Multidimensional Chronic Disease Construct: A Systemic Review, International Journal of Family Medicine, Volume 2014, Article ID 138016, 10 pages, http://dx.doi.org/10.1155/2014/138016

Eine Übersichtsarbeit dazu wurde auch veröffentlicht von:  Daniel J. Cameron:  „Proof That Chronic Lyme Disease Exists“ ,  Interdisciplinary Perspectives on Infectious Diseases; Volume 2010, Article ID 876450, 4 pages.

Ein Fallbericht: Jasenka Markeljevic et.al.: „Tremor, Seizures and Psychosis as presenting symptoms in a patient with chronic Lyme Neuroborreliosis (Lnb)“, Coll. Anthropol. 35 (2011), Suppl. 1: 313-318

 

Sam T Donta: „Issues in the Diagnosis and Treatment of Lyme Disease“, The Open Neurology Journal, 2012, 6, (Suppl 1-M8), 140-145

 

 

Hier nun nur einige weitere Literaturstellen (die Literatursammlung umfasst bisher 318 Studien, die dann auch unter www.erlebnishaft.de zu finden sind).

Auf der Webseite der ILADS (www.ilads.org) kann man jetzt sogar eine Sammlung von über 700 peer reviewed-Artikeln (also von Experten begutachtete Studien) finden, die von Dr. R. Bransfield zusammengestellt wurden (diese Liste können Sie auch auf dieser Seite ganz unten anklicken):

 

Persistenz der Lyme Borreliose (Existenz der chron. Borreliose):

  • Donta, ST, Tetracycline therapy in chronic Lyme disease. Chronic Infectious Diseases, 1997; 25 (Suppl 1): 552-56
  • Dorward DW,et al. Virulent Bb specifically attach to, activate, and kill TIB-215 Human B lymphocytes (Abstract) VIII Annual Lyme Disease International Scientific Conference. Vancouver, BC. April 28,29, 1995
  • Phillips SE; Mattman LH, et al. A proposal for the reliable culture of Borrelia burgdorferi from patients with chronic Lyme disease, even from those previously aggressively treated. Infection 1998 Nov-Dec;26(6):364-7
  • Fallon BA, et al. Late-Stage Neuropsychiatric Lyme Borreliosis. Case Reports. Psychosomatics 1995;36:295-300
  • Liegner KB, et al. Recurrent erythema migrans despite extended antibiotic treatment with minocycline in a patient with persisting Borrelia borgdorferi infection. J Am Acad Dermatol 1993;2:312-314
  • Liegner KB, et al. Culture-confirmed treatment failure of cefotaxime and minocycline in a case of Lyme meningoencephalomyelits in the United States. Abstract, V Intl Conference on Lyme Borreliosis, Arlington, Va, May 30-June 2, 1992.
  • Liegner KB et al, Lyme disease and the clinical spectrum of antibiotic responsive chronic meningoencephalmyelitides. Journal of Spirochetal and Tick-Borne Dis. 1997, pp61-73
  • Luft BJ, et al. Invasion of the CNS by Bb in acute disseminated infection. JAMA 192; 267:1364-1367.
  • Masters EJ, et al. Spirochetemia after continuous high-dose oral amoxicillin therapy. Infect Dis Clin Practice 1994;3:207-208
  • Ma Y, et al. Intracellular localization of Borrelia burgdorferi within human endothelial cells. Infect Immun 1991;59:671-678
  • Montgomery RR, Malawista SE, et al. The fate of Borrelia burgdorferi within endothelial cells. Infect Immun 10991;59:671-678
  • Meier P, et al. Pars plana vitrectomy in Borrelia burgdorferi endophthalmitis. Klin Monatsbl Augenheilkd 1998 Dec;213(6):351-4
  • Preac-Mursic V, et al. Survival of Borrelia burgdorferi in antibiotically treated patients with Lyme borreliosis. Infection 1989;17:355-359.
  • Preac-Mursic V, et al. Persistence of Borrelia burdorferi and Histopathological Alterations in Experimentally Infected Animals. A comparison with Histopathological Findings in Human Lyme Disease. Infection 1990;18(6):332-341
  • Schmidli J, et al. Cultivation of Borrelia burgdorferi from joint fluid three months after treatment of facial palsy due to Lyme borreliosis. J Infect Dis 1988;158:905-906
  • Straubinger RK, et al. Persistence of Borrelia burgdorferi in Experimentally Infected Dogs after Antibiotic Treatment. J Clin Microbiol 1997;35(1):111-116
  • Strle F, et al. Persistence of Borrelia burgdorferi Sensus Lato in Resolved Erythema Migrans Lesions. Clin Inf Dis 1995;23:380-389
  • Weber K. Treatment failure in erythema migrans-A review. Infection 1996;24:73-75
  • Wolbart K, Priem S. et al. Detection of Borrelia Burgdorferi by PCR in synovial membrane, but not in synovial fluid from patients with persistent Lyme arthritis after antibiotic therapy. Ann Rheum Dis 1998 Feb;57(2):118-21

 

Chronisch-persistierende Infektion mit B.b .trotz intensiver AB-Therapie:

  • Asch ES, et al, Lyme Disease: An Infectious and Postinfectious  Syndrome, JNL of Rheum 1994;21:454-461
  • Bradley JF,et al, The Persistence of Spirochetal Nucleic Acids in Active Lyme Arthritis. Ann Int Med 1994;487-9
  • Diringer MN, et al, Lyme meningoencephalitis- report of a severe, penicillin resistant case. Arthritis & Rheum, 1987;30:705-708
  • Bayer ME, Zhang L, Bayer MH. Borrelia burgdorferi DNA in the urine of treated patients with chronic Lyme Disease symptoms. A PCR study of 97 cases. Infection 1996. Sept-Oct;24(5):347-53
  • Fallon BA, et al. Repeated antibiotic treatment in chronic Lyme disease, Journal of Spirochetal and Tick-borne Diseases, 1999; 6 (Fall/Winter):94-101
  • Fraser DD, et al. Molecular detection of persistent Borrelia burgdorferi in a man with dermatomyositis. Clinical and Exper Rheum. 1992;10:387-390
  • Fried MD et al, Borrelia burdorferi persists in the gastrointestinal tract of children and adolescents with Lyme Disease, JNL of Spirochetal and Tick-borne Diseases, Spring/Summer 2002; 9:11-15
  • Fitzpatrick JE, et al. Chronic septic arthrits caused by Borrelia burgdorferi. Clin Ortho 1993 Dec;(297):238-41
  • Georgilis K, Peacocke M, & Klempner MS. Fibroblasts protect the Lyme disease spirochete, Borrelia burgdorferi, from ceftriaxone in vitro. J Infect Dis 1992;166: 440-444
  • Girschick HJ, et al. Intracellular persistence of Borrelia burgdorferi in human synovial cells. Rheumatol Int 1996;16(3):125-132
  • Hassler D, et al. Pulsed high-dose cefotaxime therapy in refractory Lyme Borreliosis (letter). Lancet 1991;338:193
  • Haupl T, et al. Persistence of Borrelia burgdorferi in ligamentous tissue from a patient with chronic Lyme borreliosis. Arthritis Rheum 1993;36:1621-1626
  • Horowitz RI. Chronic Persistent Lyme Borreliosis: PCR evidence of chronic infection despite extended antibiotic therapy: A Retrospective Review. Abstract XIII Intl Sci  Conf on Lyme Disease. March 24-26, 2000.
  • Karma A, et al. Long term follow-up of chronic Lyme neuroretinitis. Retina 1996;16:505-509
  • Keller TL, et al. PCR detection of Borrelia burgdorferi DNA in cerebrospinal fluid of Lyme neuroborreliosis patients. Neurology 1992;43:32-42
  • Keszler K, and Tilton RC. Persistent PCR Positivity in a Patient Being Treated for Lyme Disease. Jnl of Spirochetal and Tick-Borne Diseases. 1995;2(3):57-58
  • Krupp, LB et al, Study and treatment of post Lyme disease: a randomised double masked clinical trial, Neurology, 2003: June 24;60 (12:1923-30)
  • Lawrence C, Lipton RB, Lowy RD, and Coyle PK. Seronegative Chronic Relapsing Neuroborreliosis. Eur Neurol. 1995;35:113-117
  • Liegner KB. Lyme disease: The Sensible Pursuit of Answers. J Clin Microbiol 1993;31:1961-1963

 

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